Wie gewünscht: Evas Predigt

Psalm 85, Gott macht einen Neuanfang

So, jetzt ist es also so weit, meine erste Predigt hier im CVJM. Lange nicht mehr vor Erwachsenen gepredigt. Also Lehren, mach ich ja immer. Ob in der Schule, Jungschar, Teenies oder im Privaten, mein Mann kann ein Lied davon singen… Irgendwas weiß ich immer zu einem Thema, aber mich interessiert halt auch (fast) alles. Dinge in Erfahrung bringen und dann auch weitergeben, lehren, gehört einfach zu meinen geistlichen Gaben, viel mehr noch, zu meinem ganzen Wesen dazu.

Ich glaube, es gab keine Zeit in meinem Leben, zu der ich das nicht getan habe. Dinge herausfinden, Sachverhalte hinterfragen, Gedanken diskutieren, weitergeben, austauschen. Mir ist das durch Begebenheiten aus meiner Kindheit aufgefallen, an die ich mich erinnere. (ich erinnere mich natürlich an mehr!)

Eine ist die, dass ich meine, vor allem männlichen Lehrer zur Verzweiflung getrieben habe. Mit ganz kindlich ernst gemeinten Fragen zu Dingen, die man nicht in Frage stellt. Ab und zu fand ich jemanden der mich verstand, aber eher selten. Die meisten fühlten sich nur provoziert, oder erklärten mir, dass ich dumm sei, weil es doch „logisch“ sei, dass das so ist… Das stellt man nicht in Frage, weil es schon immer so ist.

Irgendwann hörte ich auf diese Fragen laut zu stellen. Schade eigentlich. Aber sie schwiegen nie und schweigen auch heute nicht. Vielleicht ist es für mich daher so wichtig, die zu sein zu der man kommen kann, wenn es Fragen gibt. Die zu sein, mit der nachgedacht, diskutiert und gezweifelt werden kann. Theologisieren, philosophieren. Suchen nach der subjektiven Wahrheit. Eine objektive Wahrheit, kann es wahrscheinlich, für uns Menschen hier auf dieser Welt gar nicht geben.

Zum Thema Umkehr wollte ich etwas sagen, inspiriert durch die Lieder, inspiriert durch die Predigt von Jürgen Hacker, die mit den Schuhen. Dabei bin ich auf Psalm 85 gestoßen. Hier wird auch von Umkehr du ihren Folgen gesprochen.

Wenn wir über Umkehr reden, meinen wir in der Regel einen menschlichen Neuanfang. Ich erkenne, dass das so nix wird und fange neu an. Manchmal mache ich das Gleiche noch mal – es funktioniert wieder nicht, und nochmal und Überraschung! Nochmal und wundere mich jedes Mal wieder, dass es nicht funktioniert. Manchmal gelingt es mir etwas anders zu machen. Und Schwupps, anderes Ergebnis. (Beispiel mit dem Kochrezept, wenn ich immer Spaghetti koche, werde ich halt nie Lasagne essen, oder Pizza…)

Wir sollten nicht vergessen, dass bei all unseren sogenannten Neuanfängen immer unser Ich mit im Boot ist. Mindset nennen wir das. Wenn ich nicht bereit bin, meine alten Denkmuster zu verändern, brauche ich mich nicht wundern, wenn nichts voran geht. Alles immer beim Alten bleibt. (Beispiel mit Zähneputzen mit der anderen Hand, einmal einen anderen Weg gehen, Schwierigkeit bewusste Handlungen zu ändern, wie viel schwieriger ist es da Denkmuster zu ändern?) Manchmal vergessen wir über unserem ganzen „weiter so“, das war schon immer so, dass Alles seine Zeit hat. Hier auf der Erde ist nichts ewig… Wir alle können hier schon lernen loszulassen. Wie meine Mama immer sagt, lieber mit warmen Händen weitergeben als mit kalten zu vererben.

Aber hier im Psalm 85 ist das anders. Ihr erinnert euch an die Überschrift?

Gott macht einen Neuanfang.

Nicht die Menschen kehren hier um, nein Gott macht das.

Gott fängt immer wieder mit uns Menschen neu an. Immer wieder kehrt er um, probiert es wieder. Weihnachten ist ja auch so ein Beispiel göttlicher Umkehr. Gott versucht es wieder. Diesmal anders. Gott wird Mensch.

Wir lesen den Psalm im Ganzen. Ich habe dann ein paar Stellen herausgenommen, die mich diesmal besonders angesprochen haben und zu denen ich meine Gedanken mit euch teilen möchte.

PPT Psalm Text:

Gott macht einen Neuanfang

Psalm 85, 2-4; 9-13

2Herr, du hast dein Land wieder lieb gewonnen

und das Schicksal Jakobs zum Guten gewendet.

3Du hast deinem Volk die Schuld vergeben

und alle Sünden hast du ihm verziehen. Sela.

4Du hast deinen ganzen Ärger aufgegeben

und deinen glühenden Zorn verrauchen lassen.

5Gott, du bist unsere Hilfe, stell uns wieder her!

Sei nicht länger so aufgebracht gegen uns!

6Willst du denn für immer auf uns zornig sein?

Soll sich dein Zorn noch ausdehnen

von der einen Generation auf die andere?

7Willst du uns nicht wieder neues Leben schenken?

Dann wird sich dein Volk über dich freuen.

8Herr, lass uns doch deine Güte erfahren!

Wir brauchen deine Hilfe, gib sie uns!

9Ich will hören, was Gott zu sagen hat.

Der Herr redet vom Frieden.

Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen.

Doch sie sollen nicht mehr zurückkehren

zu den Dummheiten der Vergangenheit!

10Ja, seine Hilfe ist denen nahe, die zu ihm gehören.

Dann wohnt seine Herrlichkeit wieder in unserem Land:

11Güte und Treue finden zueinander.

Gerechtigkeit und Frieden küssen sich.

12Treue wächst aus der Erde empor.

Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab.

13Auch schenkt uns der Herr viel Gutes,

und unser Land gibt seinen Ertrag dazu.

14Gerechtigkeit zieht vor ihm her

und bestimmt die Richtung seiner Schritte.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mit den Psalmen und vielen Stellen der Bibel meine Probleme. Viele sind mir zu grausam.

Vieles kann ich mit meiner Ethik nicht vereinbaren und muss ich zum Glück auch nicht können. Ich lebe heute, nicht vor 2, 3 oder 5000 Jahren. So auch hier, gleich in Vers 2, fange ich an zu stocken:

Herr, Du hast dein Land wieder liebgewonnen.

Wie jetzt? Kann das sein, dass Gott sein Land nicht liebt? Was könnte dazu geführt haben? Und woran erkennt man das? Und nochmal kann das überhaupt sein? Dass Gott nicht mehr liebt? Ich habe darauf keine Antwort gefunden.

Und das Schicksal Israels zum Guten gewendet

Für mich zieht der Psalm Dichter hier einen riskanten Schluss. Das gute Schicksal ist ein Beweis dafür, dass Gott das Land liebt? Das ist für mich eine sehr interessante Schlussfolgerung, das Buch Hiob und Jesus selbst, zeigen uns das sehr deutlich, dass das nicht ok ist, wenn ich von einem auf das andere schließe.

Diese Schlussfolgerung sagt meiner Meinung nach mehr über den Dichter und sein Gottesbild aus, als darüber, ob Gott sein Land liebt.

Vers 3 und 4 geht es weiter:

3Du hast deinem Volk die Schuld vergeben

und alle Sünden hast du ihm verziehen. Sela.

4Du hast deinen ganzen Ärger aufgegeben

und deinen glühenden Zorn verrauchen lassen.

In dem Psalm wird nicht weiter erklärt, woran das fest gemacht wird. Woran merkt der Dichter das? Ich weiß es nicht. Natürlich könnten wir jetzt Vermutungen aufstellen. Aber alles, was wir hier hineininterpretieren, bleibt nichts weiter als das. Eine Vermutung. Eine Vermutung, die darauf basiert, was wir bisher für Erfahrungen mit Menschen gemacht haben. Wie hat es ausgesehen, wenn deine Eltern, Lehrer, Vorgesetzen ärgerlich über dich waren und wie hast Du es erkannt, dass dieser Zustand vorüber war? Wir sind gut darin Erfahrungen, die wir mit Menschen machen und gemacht haben, auf Gott zu übertragen. Wir haben ja auch oft keine andere Möglichkeit, was sollen wir denn sonst als Maßstab nehmen? Ich denke da an viele Gespräche mit Menschen, die so große Probleme damit haben Gott als guten Vater anzunehmen, da der eigene Vater halt, sagen wir mal so, oft nicht gut war. Wenn ich das nicht gut aufarbeite, was mein Gottes Bild prägt, können da echt schräge Dinge dabei rauskommen und sich dann ganz interessante Gottesbilder entwickeln, die mehr oder weniger damit zu tun haben, wie Gott ist. Im Korinther 13,12 schreibt Paulus:  

Denn jetzt sehen wir alles in einem Spiegel (einem blank poliertem Stück Metall), in rätselhafter Gestalt, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin.

Das Gottesbild eines Menschen sagt wohl wirklich mehr über den Menschen aus als über Gott.

Ich sage nicht, dass das falsch oder schlecht ist. Alle von uns haben Gottesbilder im Kopf. Sonst funktioniert das nicht. Wir sollten nur nicht glauben, dass das, was wir als unser Gottesbild im Kopf haben generell für alle anderen auch gilt. Dein Gottesbild gilt nur für dich. Vielleicht hat die Person neben dir ein sehr ähnliches Gottesbild, aber sicher nicht bis ins Letzte das Gleiche. Es ist einfach deines.

9Ich will hören, was Gott zu sagen hat.

Der Herr redet vom Frieden.

Hier in Vers 9, gelingt dem Schreiber des Psalms ein interessanter Twist. Er hört auf davon zu reden, was er denkt, wie Gott denkt, handelt und richtet.

Er fängt an über sich zu reden. Was er denkt, was er vorhat.

Ich will hören, was Gott zu sagen hat.

Der Herr redet vom Frieden.

Er verspricht ihn seinem Volk und seinen Frommen.

Der Herr redet vom Frieden, er verspricht ihn seinem Volk

Wie sich das wohl anhört, wenn Gott vom Frieden spricht?

11Güte und Treue finden zueinander.

Gerechtigkeit und Frieden küssen sich

12Treue wächst aus der Erde empor

Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab

Wenn Gott vom Frieden spricht, kommen Güte und Treue ins Spiel.

Beim Nachdenken über den ersten Satz bin ich gestolpert, über folgenden Gedanken: Warum müssen Güte und Treue zueinander finden? Haben die sich aus den Augen verloren? Sind das Gegensätze?

Was bedeuten diese Worte?

Güte. das ist das, was wir alle erst ganz mühsam im Lauf unseres Lebens erlernen. Gütig, gnädig, gut sein. Das ist uns nicht in die Wiege gelegt. Wir sind ja eher rechthaberisch, egoistisch oder unbarmherzig. Güte ist ein Lernprozess. (Schau mal was sich so in den Sandkästen der Nation und den Sozialen Netzwerken abspielt, da ist von Güte oft nicht viel zu sehen, oder wie wir auf Menschen herabsehen, die halt anders sind als wir)

Treue, Loyalität, darauf kann ich mich verlassen, Treue meint, da gibt es irgendwas an dem ich mich orientiere und daran halte ich mich auch. Partnerschaftliche Treue, Gesetzestreue. Warum müssen die Beiden zueinander finden, gehören sie nicht eh zusammen?

Wenn wir uns nur einen kurzen Moment Zeit nehmen, um darüber nachzudenken kommen wir dem überraschend schnell auf die Spur.

Treue ohne Güte kann ziemlich übel enden. Treue hält sich an Regeln und Gesetze ohne Rücksicht auf Verluste. Treue kann unkritisch, konformistisch und angepasst sein. (Paragraphenreiter) Der Buchstabe des Gesetzes ist wichtiger als der Mensch, auf den es angewandt wird. Treue ohne Güte ist erbarmungslos. Treue ohne Güte verhärtet das Herz. Treue ohne Güte macht aus Jüngern und Jüngerinnen Jesu, Pharisäer und Pharisäerinnen, die immer ganz genau wissen, wie die andere Person zu leben hat, was richtig oder falsch ist. Was vor allem in den Augen Gottes für diese Person richtig oder falsch ist. Treue ohne Güte ist gefährlich. Treue ohne Güte macht zum Besserwisser, zur Urteilerin, Richter und Richterin.

Was ist mit der Güte? Güte ohne Treue ist auch nicht viel besser. Güte braucht einen Background. Ein Leitschnur eine Orientierung. Braucht Werte und eine Ethik ohne die ist sie einfach irgendwas. Wie Eltern, die ihren Kindern alles erlauben. Güte ohne Treue ist gleichgültig, beliebig, ohne Fürsorge, nachlässig.

Wenn aber Güte und Treue zueinander finden, dann kann viel Gutes dabei rauskommen.

Durch Güte wird die Treue barmherzig.

Die Treue gibt der Güte Halt.

Die Güte gibt der Treue die Liebe, die sie vorsichtig macht, damit sie den anderen nicht verletzt.

Treue gibt der Güte Kraft durch Werte.

Die Güte gibt der Treue die Liebe, die die Andersartigkeit des Nächsten aushält und wertschätzt.

Treue und Güte finden zueinander. Das ist eine gute Sache.

Gehen wir zum nächsten Wortpaar:

Gerechtigkeit und Frieden küssen einander.

Diese Beiden scheinen sich ja näher zu stehen als Treue und Güte 😉

Gerechtigkeit und Frieden, Shalom, werden Gott zugeordnet. Dinge die nur Gott schenken kann. Die beiden haben sich schon gefunden. Sie küssen sich. Das ist ein schönes Bild. In vielen Kulturen wird man mit einem Kuss begrüßt. Willkommen! Schön, dass Du da bist.

[1]

Wenn wir den Text weiter ansehen, greift der Dichter hier zu einem interessanten Stilmittel. Er nimmt aus dem ersten Wortpaar, das hintere Wort: Treue. Aus dem zweiten Wortpaar das vordere Wort: Gerechtigkeit und schließt den Kreis.

Treue wächst aus der Erde empor

Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab

Auch das lohnt sich noch einmal genauer anzusehen.

Treue wächst aus der Erde

Ich interpretiere das heute so, dass Treue uns Menschen zugeordnet ist. Sie wächst aus der Erde empor. Wachsen bedeutet immer Anstrengung. Wachstum nach oben, das heißt gegen die Schwerkraft. Wachsen braucht gute Bedingungen, Nahrung, Zeit und Energie. Wachstum geschieht immer durch einen Input von außen. Samen, Wetter, Feuchtigkeit. Alles sehr irdische Dinge. Sonnenlicht!

Die Gerechtigkeit jedoch scheint vom Himmel herab. Gott ist im AT im Himmel verortet. „Sonne der Gerechtigkeit“ ist vielen von uns ein Begriff. Hier wird ein Gedanke aus dem Propheten Maleachi 3,20 aufgegriffen.

„Euch soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit.“

Gerechtigkeit ist etwas, dass wir Menschen nicht machen können. Wir können auch die Sonne nicht aufgehen lassen. Selbst wenn wir uns noch so sehr bemühen. Irgendwie ist immer jemand benachteiligt oder leidet unter unseren Entscheidungen. Ob Mensch, Tier oder Pflanze.

Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab, wie die Sonne. Gerechtigkeit ist etwas zutiefst Göttliches.

Treue und Güte wachsen von der Erde, uns Menschen zu Gott hin

Seine Gerechtigkeit und sein Shalom scheinen von ihm auf uns herab.

Vielleicht ist es genau das, was wir uns in dieser jetzt angebrochenen Adventszeit zu Herzen nehmen sollten. Gütiger und treuer zu sein. Je nachdem, was dir schwerer fällt.   

Und uns gleichzeitig ein bisschen mehr nach Gottes Gerechtigkeit und seinem Frieden ausstrecken. Damit unsere Treue und Güte der Sonne der Gerechtigkeit und dem Shalom entgegenwachsen können, so wie sich Pflanzen nach der Sonne ausstrecken, um dann reiche Frucht zu bringen.

Amen

[2]Der Segen Gottes erfülle jeden Raum

In deinem Lebenshaus

Öffne die Fenster des Tages.

Öffne die Türen der Nacht.

Öffne dein Herz

Und breite der Sehnsucht Flügel aus

So segne dich der Dreieinige Gott

Vater, Sohn und Heiliger Geist,

Amen


[1] https://digital.wlb-stuttgart.de/sammlungen/sammlungsliste/werksansicht?tx_dlf%5Bid%5D=8680&tx_dlf%5Border%5D=title&tx_dlf%5Bpage%5D=10&cHash=d9fed011e397797f6e01f1f5c7a65cd7 ; letzter Zugriff 08.12.2023

[2] Quelle unbekannt

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